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Waffenstillstand


Ken S.
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[569]

Waffenstillstand
Von H. O. v. Rosenberg, damals Regimentsadjutant des Regiments Elisabeth


Neu aufgefüllt, aber nur noch zu zwei Bataillonen formiert, wurde das Regiment Elisabeth nach den heißen Kämpfen in den Argonnen1) in ruhiger Stellung links der Straße Etain—Verdun, mit dem rechten Flügel an der Straße bei Haumont, mit dem linken Flügel im Wald von Morainville am 21. Oktober 1918 eingesetzt. Nach den vorangegangenen heißen Kämpfen der früheren Jahre herrscht jetzt Ruhe in der Woëvreebene, während weiter rechts in der Gegend von Dun erbitterte Kämpfe um die Maaslinie toben, die die Amerikaner hier von Süden nach Norden aufzurollen suchen im Verfolg ihres am 28. Sept. 1918 begonnenen Großangriffs, dem das Regiment bis zur völligen Ausopferung in den Argonnen stand gehallten hatte. Es war kein Zweifel, daß lediglich der Erfolg oder Mißerfolg dieses nun schon seit vier Wochen im Gange befindlichen Großangriffs darüber entscheiden würde, wann auch an der Ostfront von Verdun der Angriff einsetzen würde.

Wie ein breiter Wall, gekrönt von den Trümmern der zerschossenen Forst, die so unendlich viel Blut gekostet hatten, lag die Côte Lorraine vor der Front des Regiments, das sich nach den neuesten Vorschriften für die bewegliche Verteidigung mit Vorfeldkompagnien im Cognonwald in Sumpf und Bruch eingerichtet hatte. Vom Gegner war nichts zu sehen. Stundenweit durchschritten unsere Patrouillen das Vorgelände bis hart an den Fuß der Côte. Wohl zeigten sich hier und da auch einmal feindliche Patrouillen, doch kam es, da sie stets auswichen, nie zu einem Zusammenstoß.

So vergingen fast drei Wochen, die zu eifrigem Ausbau der Stellung ausgenutzt wurden. Immer kritischer wurden die Nachrichten, die aus der Heimat durchsickerten, immer deutlicher zeichnete es sich ab, daß man hinter der Front begann, die Nerven zu verlieren. Man hörte von der Bildung von Soldatenräten, von Gehorsamsverweigerungen bei den Nachbartruppenteilen. Leute einer bayrischen 15 cm-Batterie, die neben dem Regiments-Gefechtsstand in Etain in Stellung war, verließen einfach ihre Feuerstellung, um sich in Metz dem Soldaten rat anzuschließen. Zeitungsnachrichten und die eingehenden Befehle ließen die sich anbahnende Auflösung immer mehr erkennen, zeigten aber auch klar und deutlich, daß diese Auflösung nicht vorn vor der Truppe ausging, sondern von der Heimat und der Etappe. Schließlich überstürzten sich die Ereignisse, ohne daß die Fronttruppe dem Geschehen so schnell folgen und begreifen konnte, welche schmähliches Spiel hier getrieben wurde. Die Abdankung des Kaisers wurde bekannt gegeben, fast gleichzeitig mit einer Aufforderung der Obersten Heeresleitung an die Truppen, ihre Stellungen noch so lange zu halten, bis die eingeleiteten Verhandlungen über einen Waffenstillstand zum Abschluß gekommen seien.

Das Verhängnis ging unaufhaltsam seinen Gang. Wir lagen in vorderster Linie und taten unsere Pflicht, wie die ganzen schweren Kriegsjahre hindurch, und wenn es auch nicht mehr die Truppe von 1914 war, der stolze Geist der Garde war im Regiment noch voll und ganz lebendig, so daß der selbst schon bolschewistisch eingestellte Ersatz aus dem Osten, der zur Auffüllung des Regiments nach den Verlusten in den Argonnen herangezogen wurde, seine Moral wiederfand und das Regiment als durchaus kaempfkräftig bezeichnet werden konnte.

Und noch einmal wurde das Regiment auf die Probe gestellt und bestand sie in vollen Ehren, indem es bis zur letzten Minute in siegreicher Abwehr kämpfend seine stolzen Fahnen unbesiegt zusammenrollte, um der Heimat und der Auflösung entgegenzugehen.

Vom 21. Oktober bis 8. November 1918 war es in Stellung ruhig geblieben. Die feindliche Artillerie war nicht besonders tätig, von feindlicher Infanterie war überhaupt nichts zu merken gewesen. Da geht plötzlich, ohne daß sich das feindliche Artilleriefeuer [570] wesentlich verstärkt hätte, in den Morgenstunden des 9. November, zu glleicher Zeit, als in der Heimat das Volk einen Sieg, der sein Verderben wurde, nach Scheidemanns Worten auf der ganzen Linie erringt, beim Regiments-Gefechtsstand die Meldung ein, daß starke amerikanische Schützenlinien, mit französischen Sturmtrupps vermischt, im Morgennebel überraschend vor der Front der Vorfeldkompagnie, der 8. Komp. unter Lt. Wiese, aufgetaucht waren und trotz des gänzlich unerwarteten Erscheinens sofort unter Feuer genommen wurden. Man hatte den Eindruck, daß der Gegner über diesen unverhofften Widerstand seinerseits äußerst überrascht war. Er hatte wohl geglaubt, daß die deutschen Truppen völlig demoralisiert und in Auflösung begriffen seien.

Die in schneller Folge eingehenden Meldungen ergaben das Bild, das für den Fall eines Angriffs erwartet war. Der Gegner hatte sich auf den Höhen der Côte Lorraine in der Nacht bereitgestellt und war in breiten Wellen in die Woëvreebene hinabgestiegen, um die deutschen Linien einfach zu überrennen. Etwa zehn Divisionen stark griff er die dünne Front von drei deutschen Divisionen zwischen Dieppe und Combres an. Die Lage war zweifellos bedenklich. Es kam alles darauf an, einen Durchbruch trotz der Ueberraschung zu verhindern. Reserven standen der „Gruppe Ebene“ nicht mehr zur Verfügung, gelang der Durchbruch vor Abschluß des Waffenstillstandes, so war der Weg nach Metz frei. Dann aber ergaben sich Gefahren, deren Tragweite gar nicht zu übersehen war. Und so kämpften hier noch einmal Deutsche aller Gaue, Garde, Bayern, Sachsen und Thüringer nebeneinander, während inzwischen die Heimat und Etappe diese Aufopferung mit Verrat und Meuterei lohnte. — In geschickter Verteidigung des Vorfeldes gelingt es, von der Hauptwiderstandslinie des Regiments wie auch in den Nachbarabschnitten, den Gegner den ganzen Tag aufzuhalten, obgleich auch sein Artilleriefeuer an Stärke mehr und mehr zunimmt. Doch auch unsere Artillerie bleibt nicht stumm und bekämpft mit lebhaften Feuer die vorgehenden feindlichen Wellen.

In der Nacht hält das feindliche Feuer an, und im Morgengrauen des 10. November setzen neue heftige Angriffe der vielfachen Uebermacht ein. Die 8. Komp. wird durch Umgehung gezwungen, das Vorfeld zu räumen und sich aus dem Cognonwald kämpfend auf die Hauptwiderstandslinie zurückzuziehen. Gutliegendes Sperrfeuer und das Feuer unserer noch völlig intakten Maschinengewehre hindern jedes Eindringen in die Hauptwiderstandslinie, obgleich der Gegner anscheinend durch Masseneinsatz frischer Truppen hier noch um jeden Preis einen Erfolg erringen will. Unsere Leute beobachteten mit Staunen die gute Ausrüstung der Stürmenden und deren gute Nerven, da sie sich trotz der Novemberkälte durch Wasser und Sumpf rücksichtslos vorarbeiten. Aber ihr Schneid ist vergeblich. Auch im Laufe des 10. November gelingt ihnen an k e i n e r Stelle ein Einbruch in die Hauptwiderstandslinie, doch häufen sich ihre Verluste mehr un mehr, während diese beim Regiment gering bleiben.

Trotzdem sieht die Führung mit Sorgen dem kommenden Tag entgegen. Wird es gelingen, die Stellung bis zum Abschuß des unvermeidbar gewordenen Waffenstillstandes zu halten? Dann hat das Regiment seine Pflicht erfüllt und braucht sich nicht zu schämen, unverschuldet auf höheren Befehl die Waffen strecken [571] zu müssen.—Wieder graut der Morgen, und wieder erneuert der Amerikaner seine heftigen Angriffe. Im Handgemenge wird er hier und da schon zurückgeworfen, fast überall liegt er bereits im Drahtverhau. Gegen 9.00 Uhr vorm. gibt das Nachbarregiment dem Regimentsgefechtsstand einen Funkspruch des Generals Foch bekannt, wonach um 12.00 Uhr mittags Waffenruhe einträte. Eine Rückfrage beim Brigadegefechtsstand ergibt, daß vorläufig davon noch nichts bekannt ist, es wird vielmehr dem Regiment befohlen, seine Stellung unbedingt zu halten. Inzwischen läßt das feindliche Artilleriefeuer immer mehr und mehr nach und hört schließlich ganz auf. Unsere Artillerie dagegen feuert weiter, was die Rohre nur hergeben. Die Bataillonsstäbe melden auf Anfrage, daß die Stellung noch überall fest in unserer Hand ist, daß aber der Gegner immer erneut angreift.

Da geht 10.30 Uhr vorm. beim Regiment der Brigadebefehl ein, wonach um 11.55 Uhr jede feindliche Handlung einzustellen ist. Adjutanten und Melder laufen die feuernden Linien entlang und geben den Befehl bekannt.

Nun soll dem Gegner auch in der letzten Stunde kein Erfolg mehr beschieden sein, das ist der feste Wille jedes einzelnen und so wird das Feuer noch verstärkt bis — 11.55 Uhr mit einem Schlage das Feuer gestoppt wird. Die überraschten Amerikaner denken, die Deutschen ergeben sich und wollen in den Graben eindringen, allein es wird ihnen klargemacht, daß der Krieg zu Ende ist. Der hier befehligende amerikanische Bataillons-Kommandeur will es erst nicht glauben, da er schon seit Tagen keine Befehle mehr erhalten hat, die plötzlich Stille nach dem eben noch auf der ganzen Front tobenden Feuerkampf überzeugt ihn schließlich doch. Während links von uns beim 3. Garde-Regt. z. F. die Amerikaner noch einen großen Teil der Grabenbesatzung in die Gefangenschaft abführen, von denen sie allerdings später einen Teil wieder entlassen, wird vor der Front des Regiments Elisabeth eine neue neutrale Zone vereinbart. Dicht vor unserem Drahtverhau setzen die Amerikaner ihre Gewehre zusammen, Posten werden beiderseits aufgestellt und die Verwundeten versorgt.

Noch eine kleine Episode spielte sich ab. Die Verhandlungen mit den Amerikanern wurden aufs korrekteste geführt und beiderseits eingehalten. am Nachmittag erscheint plötzlich ein französischer General bei der nun wieder die Vorposten stellenden 8. Komp. und verlangt Zurücknahme der Posten. Der Komp.-Führer, Lt. Wiese, verweigert dies und erklärt dem General unter schmunzelndem Einverständnis des amerikanischen Kommandeurs, wenn er nicht sofort die deutsch Zone verlasse, werde er feuern lassen, worauf der französische General er vorzog, zu verschwinden.

Schon am Abend wird das Regiment abgelöst. An der Front bleiben nur noch Postierungen. Schweigend traten die Kompagnien den Marsch in das Lager im Wald von Rouvres an. Wie eine kaum zu tragande Last liegt auf uns allen das Bewußtsein, daß alles umsonst war, was wir und das deutsche Volk in vier Jahren gelitten und gestritten. Wie ein Hohn erschien uns das Feuerwerk, das hinter uns an der Front die nun nicht mehr nötigen und deshalb zu tausenden in die Luft gejagten Leuchtkugeln abgaben. Sie leuchteten auf unserem Weg der Schande und Schmach. Weil unser Volk sich selbst verlor, verlor es den Krieg, obgleich noch genügend bis zum Letzten entschlossene Kämpfer an der Front standen, wie es das Regiment Elisabeth noch vor wenigen Stunden seiner Ueberlieferung getreu bewiesen hatte.
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Das Ehrenbuch der Garde (2. Teil), S. 569-571.

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