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Das einsame Licht


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Das einsame Licht
Von K. Wiese

Es war in den ersten Novembertagen 1918, die einzelnen Daten, Ortschaften usw. notierte man gar nicht mehr, da wir dauernd, Tag und Nacht, auf Posten und in Bewegung waren und die etwa einmal eintretenden kargen Ruhepausen benutzten, uns hundemüde in einen Winkel zu verkriechen, um ein wenig zu verschnaufen — höchstens ein kurzes Lebenszeichen nach Hause zu senden. Aus der Gegend von Lâon her waren wir in fortwährenden Abwehrkämpfen bei scheußlichem, naßkaltem Wetter über die Aisne nach Mainbressy gekommen. Den Nordrand der Ortschaft begrenzte ein ziemlich breiter Bach (Serre), zu dem gleichlaufend am nördlichen Ufer eine Bahnlinie führte. Während die Division schon weiter nordwärts marschiert war, hatte unser II. Batl. die Nachhut. Es sollten noch Patrouillen am Feinde sein. Meldungen erreichten uns jedoch nicht, und so waren wir völlig im Ungewissen, wie weit der Franzmann uns eigentlich schon gefolgt [572] war. Mit drei Zügen (es waren aber keine kriegsstarken Züge mehr) hatten wir einen Abschnitt von etwa 4km zu sichern, und so mußten wir etwa alle 20—25 Schritt einen Posten aufbauen. Das Gelände am Bache war sumpfig und mit Unterholz bestanden, und es war nicht einfach, einen einigermaßen trockenen Platz für die Posten zu finden; nur durch Springen und Balancieren konnte man hingelangen.

Es war eine ungemütliche Lage. Das ekelhafte Wetter, das Gefühl, auf dem Rückmarsch zu sein, die Ungewißheit über die ganze Lage, und auch das Gefühl der Einsamkeit. Von Zeit zu Zeit vernahmen wir Explosionen. Die Pioniere sprengten hinter uns alles, was dem Feind das Nachfolgen erleichtern konnte, Brücken, Straßenkreuzungen usw. Mit Einbruch der Dunkelheit mußten wir doppelt aufpassen. Die Brücke, die zum Dorfe gegenüber führte, hatten wir noch nicht zerstören können, weil wir noch mit der Rückkehr einzelner Kavalleriepatrouillen rechnen mußTen. Ihr mußte also unser besonderes Augenmerk gelten. Erschwert war die Sache dadurch, daß in dem Ort Einwohner waren, wir also in der Dunkelheit nicht ausmachen konnten, ob verdächtige Geräusche von der Zivilbevölkerung oder schon von Truppen herrührten. Bekannt war uns, daß im Laufe der Nacht vermutlich der Befehl zum Rückmarsch nach Girondelle uns erreichen würde. Auf das Losungswort „Haut ihn!“ sollte sich alles so schnell wie möglich nach einem einzeln stehenden Hause, in welchem sich der Führer befand, sammeln. Sier sei noch bemerkt, daß in diesem Hause vorher Pioniere waren, die allerhand angenehme Sachen, wie Sprengkörper, Handgranaten usw., zurückgelassen hatten. Durch irgendeine Unvorsichtigkeit brach in dem einen Raume Feuer aus, das wir, da es zu spät entdeckt wurde, nicht mehr löschen konnte; wir saßen da also gewissermaßen auf einem Pulverfasse. Der Raum brannte jedoch aus, ohne daß eine Explosion eintrat. Stockdunkel war die Nacht; ein feiner Regen rieselte; Totenstille ringsum. Die Verbindung mit den einzelnen Posten wurde ständig aufrecht erhalten, die Nerven waren wie Stahlseiten angespannt,—doch der Franzmann meldete sich nicht. Gegen 1 Uhr nachts kam ein Meldereiter mit dem Befehl, daß wir nach Girondelle abmarschieren sollten. Also: „Haut ihn!“ Es verging eine lange Zeit, bis bei der Dunkelheit und in dem Sumpfgelände alles zur Stelle war. Jedes Geräusch mußte natürlich vermieden werden, und leise, ganz leise trottelten wir nordwärts. Nach einigen Kilometern kamen wir in ein Dorf, dessen Name mir entfallen ist. Das Dorf war völlig geräumt und tot. Da mußte es uns wundern, daß wir aus einem Hause einen Lichtschein erblickten. Es wurde gehalten und jemand in das Haus geschickt, um Näheres festzustellen. Der Mann kam aber zurück, nachdem er die Kerze ausgelöscht hatte und berichtete, daß das Haus leer sei. Die Zeit, die bei diesem Aufenthalt verstrichen war, betrug eine Minute. Wir marschierten weiter. Nach wenigen Schritten plötzlich von vorne ein gewaltiger Luftdruck, vor uns eine riesige Feuersäule, in der Steinklumpen und Eisenstücke herumfliegen. Den Bruchteil einer Sekunde lang waren wir erstarrt, dann stürzte alles instinktiv auf die Häuser zu und drückte sich mit emporgestreckten Armen eng an die Mauern. Im gleichen Moment prasselten auch schon die Bruchstücke herunter unter ohrenbetäubenden Lärm. Es verstrich geraume Zeit, ehe wir uns umzuschauen getrauten, da ertönten aber auch schon die Hilferufe Verwundeter. Durch die herabsausenden Steinbrocken war eine ganze Reihe Kameraden mehr oder minder schwer verletzt. Mir selbst war ein Stein auf den rechten Unterarm gefallen und zerschlug die Armbanduhr. Nun mußten die Verwundeten in stockfinsterer Nacht notdürftig verbunden werden, denn lange durften wir nicht verweilen, da wir nicht wußten, ob der Franzmann uns schon folgte. Die schwerer verletzten Kameraden wurden von je zwei Mann mitgeschleppt, und langsam ging es weiter. Da sahen wir denn auch die Ursache dieser Ueberraschung. Am Rande des Dorfes hatte eine große massive Steinbrücke über einen sehr tief liegenden Bach geführt. Diese Brücke war gesprengt worden.

Beim Anblick der Trümmer durchfuhr uns alle der Gedanke: Wären wir eine Minute früher hier gewesen, hätten wir uns bei der Sprengung gerade auf der Brücke befunden. Die einsame Kerze, die uns eine Minute aufhielt, hatte uns ein gütiges Geschick leuchten lassen. Dann aber faßte uns die Wut auf diejenigen, die die Sprengung vornahmen. Diesseits des Baches war niemand zu finden — also stiegen wir die tiefe, schlammige Böschung hinunter, durchwateten den Bach auf den Brückentrümmern und krochen drüben wieder hinauf. Mit den Verwundeten war das eine mühselige Sache. Nach geraumer Zeit tauchten vor uns aus einem Stollen Gestalten auf — Pioniere — . Frage: „Habt Ihr die Brücke gesprengt?“ Antwort: „Jawohl!“ Um ein Haar wäre es den Schwarzkragen schlecht ergangen; gerade noch rechtzeitig verstanden wir, daß dem Sprengkommando mitgeteilt worden war, die Truppen wären alle hinüber und es könne gesprengt werden.

Durchnäßt, zerschunden und übermüdet langten wir nach 18km langem Marsche am nächsten Morgen beim Regiment an, um nach einstündiger Ruhe weiter zu marschieren.
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Das Ehrenbuch der Garde (2. Teil), S. 571-572.

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